Der Unterpräfekt auf dem Land

Der Unterpräfekt ist dienstlich unterwegs. Mit einem Kutscher vorne und einem Lakai hinten bringt ihn die Kalesche der Unterpräfektur feierlich zur Regionalprämierung in Combe-aux-Fées. Für diesen denkwürdigen Tag hat sich der Unterpräfekt mit seinem schönen bestickten Frack, seinem Klappzylinder, seiner enganliegenden Bundhose mit Silberstreifen und seinem Galadegen mit Perlmuttgriff ausstaffiert. Auf seinem Schoß ruht eine Dokumententasche aus geprägtem Chagrinleder, die er mit traurigem Blick betrachtet.

Mit traurigem Blick betrachtet der Unterpräfekt seine Dokumententasche aus Chagrinleder. Er denkt an die omi-nöse Rede, die er später vor den Einwohnern von Combe-aux-Fées wird halten müssen: „Sehr verehrte Herren, liebe Mitbürger …“

Aber auch wenn er sich das blonde seidige Haar seiner Favoriten um die Finger wickelt und zwanzigmal hinter-einander „Sehr verehrte Herren, liebe Mitbürger…“ spricht, fällt ihm die Fortsetzung der Rede einfach nicht ein.

Die Fortsetzung der Rede fällt ihm einfach nicht ein … In dieser Kalesche ist es ja auch so heiß. So weit der Blick reicht, streckt sich der staubige Weg nach Combe-aux-Fées unter der Mittagssonne … Die heiße Luft flimmert … und unter den Ulmen am Wegesrand, die vom weißen Staub bedeckt sind, zirpen Tausende von Grillen. Plötzlich zuckt der Unterpräfekt zusammen. Da hinten, am Fuß eines Hanges, hat er einen kleinen Wald aus grünen Eichen erblickt, der ihm zuwinkt – so meint er zumindest.

Er meint, der Wald winkt ihm zu: „Kommen Sie doch her, Herr Unter-präfekt; um Ihre Rede zu schreiben, würden Sie sich unter meinen Bäumen viel wohler fühlen…“. Der Unterpräfekt ist verzückt; er springt von der Kalesche herunter und sagt seinen Leuten, sie sollen auf ihn warten, er wird seine Rede im kleinen Wald aus grünen Eichen schreiben.

Im kleinen Wald aus grünen Eichen gibt es Vögel, Veilchen und Quellen unter dem feinen Gras … Als sie zuerst den Unterpräfekten mit seiner schönen Bundhose und seiner Dokumententasche aus geprägtem Chagrinleder sahen, haben die Vögel Angst gehabt; sie haben ihr Gesang unterbrochen, die Quellen haben das Plätschern unterlassen, und die Veilchen haben sich im Gras versteckt. Sie alle haben noch nie einen Unterpräfekten gesehen. Leise fragen sie sich, wer denn der schöne Herr sei, der in Silberhose spazierengeht.

Mit leiser Stimme fragt man sich unter dem Laub, wer denn der schöne Herr in der Silberhose sei. Währenddessen zieht der Unterpräfekt, von der Ruhe und der Kühle im Wald sehr angetan, die Frackschöße hoch, stellt seinen Klappzylinder im Gras und setzt sich im Moos, am Fuß einer jungen Eiche. Anschließend öffnet er auf seinem Schoß die große Dokumententasche aus geprägtem Chagrinleder und holt daraus ein großes Blatt Kanzleipapier. „Es ist ein Künstler!“ sagt die Grasmücke. – „Nein“, sagt der Dompfaff, „es ist kein Künstler, weil er eine Silberhose trägt; es ist eher ein Prinz.“

„Es ist eher ein Prinz“, sagt der Dompfaff – „Weder Künstler noch Prinz“, unterbricht eine alte Nachtigall, die einen ganzen Sommer lang in den Gärten der Unterpräfektur gesungen hat. Ich weiß, wer das ist: Das ist ein Unterpräfekt!“ Und im ganzen Wäldchen wird geflüstert „Das ist ein Unterpräfekt Das ist ein Unterpräfekt!“ – „Was für eine Glatze!“ bemerkt eine Haubenlerche. Die Veilchen fragen: „Ist es böse?“

„Ist es böse?“ fragen die Veilchen. Die alte Nachtigall antwortet: „Nein, überhaupt nicht!“ Und daraufhin nehmen die Vögel ihr Gesang wieder auf, die Quellen plätschern wieder, die Veilchen duften wieder vor sich hin, als wäre der Herr nicht da … Ganz ruhig mitten in diesem lieblichen Trubel ruft der Unterpräfekt tief in seinem Herzen die Muse der landwirtschaftlichen Prämierungen an. Er hebt den Stift an und fängt an, feierlich zu lesen: „Sehr verehrte Herren, liebe Mitbürger…“.

Er fängt an, feierlich zu lesen: „Sehr verehrte Herren, liebe Mitbürger…“.Er wird durch einen Lacher unterbrochen. Er dreht sich um, sieht aber nur einen dicken Grünspecht, der sich auf seinem Klappzylinder niedergelassen hat und ihn lachend anschaut. Der Unterpräfekt zuckt mit den Schultern und will seine Rede fortsetzen. Aber der Grünspecht unterbricht ihn wieder und ruft ihm aus der Entfernung zu: „Wozu denn das?“ – „Wieso denn, wozu denn das?“ spricht der Unterpräfekt und errötet. Mit einer Bewegung jagt er das freche Tier davon und fängt erneut an: „Sehr verehrte Herren, liebe Mitbürger…“.

„Sehr verehrte Herren, liebe Mitbürger…“ hat der Unterpräfekt erneut angefangen. Aber nun kommen die Veilchen nähen, indem sie sich auf die Stengelspitzen stellen, und sagen ihm ganz leise: „Herr Unterpräfekt, riechen Sie, wie fein wir duften?“ Und die Quellen spielen für ihn unter dem Moos eine göttliche Musik. Und in den Ästen über seinem Kopf singen Unmengen von Grasmücken ihre schönsten Lieder. Und der ganze Wald verschwört sich gegen ihn, um zu verhindern, daß er seine Rede schreibt.

Der ganze Wald verschwört sich gegen ihn, um zu verhindern, daß er seine Rede schreibt. … Der Unterpräfekt ist von den Düften betört, von der Musik berauscht. Er versucht vergeblich, gegen den neuen Zauber anzukämpfen, der in ihn eindringt. Er stützt sich mit den Ellenbogen im Gras, öffnet seinen schönen Frack, stammelt noch zwei– oder dreimal: „Sehr verehrte Herren, liebe Mitbürger… Herren, liebe … Herren, liebe…“

Dann schickt er seine Mitbürger zum Teufel. Die Muse der landwirtschaftlichen Prämierung soll ihren Antlitz verdecken.

Verdeck Deinen Antlitz, O Muse der landwirtschaftlichen Prämierung! … Nach einer Stunde, als die Bedienstete der Unterpräfektur aus Sorge um ihren Herren langsam in den Wald hineingingen, erblickten sie etwas, was sie aus Entsetzen ein paar Schritte zurücktreten ließ. Der Unterpräfekt lag bäuchlings im Gras, halb entblößt wie ein Bohemien.

Er hatte seinen Frack ausgezogen, kaute an Veilchen und schrieb Gedichte.